Raus aus der Dopamin-Falle
mit Klaus Grochowiak
Die meisten von uns kennen Situationen, in denen wir unbewusst etwas dafür tun, dass wir Ablehnung oder Misserfolg erleben. Wir gehen in die Therapie oder ins Coaching, um die unbewussten Gründe für dieses selbstzerstörerische bzw. selbstverletzende Verhalten zu bearbeiten.
Wir arbeiten an den traumatischen Erfahrungen, an den systemischen Verstrickungen und an den Entscheidungen und Glaubenssätzen, die sich auf der Basis dieser Erfahrungen gebildet haben.
Und vieles verbessert sich oder hört ganz auf, aber oft bleibt ein Kern übrig, der uns zwanghaft, so als wenn wir geradezu süchtig danach wären, zu den immer gleichen Verhaltensweisen treibt, von denen wir wissen, dass sie uns nicht gut tun. Freud sprach in diesem Zusammenhang vom Wiederholungszwang.
Und ich kenne keinen Kollegen, der nicht schon daran verzweifelt wäre, dass er mit bestimmten Klienten an diesem Punkt einfach nicht weitergekommen ist.
Neuere Forschungen im Rahmen der Neurophysiologie geben uns einen Hinweis darauf, dass es sich hier tatsächlich um eine Art Sucht handelt – Sucht nach der Dopamin-Belohnung für ein Verhalten, das dafür sorgt, dass wir einen ganz spezifischen Schmerz immer und immer wiederholen.
Normalerweise dient Dopamin dazu, Mensch und Tier zu motivieren, Situationen zu suchen, die eine Belohnung oder eine positive Erfahrung versprechen. Neuere Forschungen zeigen, dass Dopamin auch die Wirkung haben kann, im Nucleus accumbens Verhaltensweisen anzuregen, die uns Situationen aufsuchen lassen, vor denen wir eigentlich Angst haben.
Kent Berridge, PhD, und seine Kollegen von der University of Michigan fanden heraus, dass die beiden Regionen im Nucleus accumbens, die für Belohnung und Furcht zuständig sind, nur wenige Millimeter auseinander liegen. Dopamin spielt hier als Neurotransmitter eine hervorragende Rolle.
Durch Injektionen bei Ratten konnte gezeigt werden, dass, je nachdem in welche der beiden Regionen das Dopamin injiziert wurde, die Tiere entweder dreimal mehr aßen als normal oder sich so verhielten, als sei ein Raubtier anwesend.
Berridge nimmt an, dass Dopamin-Fehlfunktionen in diesem Areal sowohl für exzessives Suchtverhalten, als auch für krankhafte Angst zuständig sind.
Wenn wir diesen Gedanken weiter denken, dann ist der Schritt zu folgender Einsicht nicht weit:
Stellen wir uns folgende Situation vor: Ein Kleinkind sucht die Nähe der Mutter. Wenn dies gelingt, gibt es Dopamin als Verstärker, der das Kind immer wieder motiviert, dieses Verhalten zu zeigen.
Was passiert aber, wenn die Mutter sich ablehnend verhält? Das Kind erlebt einen emotionalen Schmerz, und es entsteht die Angst, dass die nächste Annäherung wieder auf eine Ablehnung stoßen könnte. Dem ambivalenten Verhalten der Mutter entspricht jetzt eine ambivalente Motivationslage des Kindes. Es will hin und hat gleichzeitig Angst davor.
Da das Kind aber zur Mutter muss, – das Bedürfnis ist übermächtig –, entsteht eine Konditionierung, bei der Dopamin ausgeschüttet wird, wenn das Kind die Angst überwindet. So entstehen ein ambivalenter Bindungsstil und der Glaubenssatz „Liebe ist ambivalent – und wenn es nicht ambivalent ist, dann ist es keine Liebe – oder langweilig.”
Die Hoffnung vieler Psychotherapeuten war es nun, dass durch die Arbeit an diesen traumatischen Erfahrungen (unterbrochene Hinbewegung) sich dieses Verhalten auflösen würde. Leider ist das meist nicht der Fall. Der Grund scheint ganz nahe liegend: Die Interventionen erreichen die Ebene des Nucleus accumbens gar nicht. Das heißt, die Ebene, auf der die Sucht nach einem negativen Dopamin-Kick gespeichert ist, wird nicht automatisch reorganisiert, wenn wir mit den üblichen kognitiv-emotionalen Techniken arbeiten.
Klienten erleben diese Situation auch ganz ähnlich wie andere Süchte auch. Wenn es z. B. in einer Liebesbeziehung zu lange keine Ablehnungserfahrung gab, dann erleben sie eine unspezifische Erregung, die sie dazu treibt, etwas zu tun, was mit Sicherheit zu einer solchen führt. Und schon die Partnerwahl ist durch diesen unbewussten Mechanismus beeinflusst; wir suchen unbewusst jemanden, mit dem wir diese Ambivalenz erneut erleben können.
Diese Sucht führt dann natürlich zu einem entsprechenden Selbstbild, zu entsprechenden Glaubenssätzen über Männer, Frauen, Beziehungen usw. Es entstehen passende Wahrnehmungsfilter und Partnerauswahl-Strategien. All dies stabilisiert die Sucht.
Zusätzlich führt diese Dopamin-Fehlfunktion auch dazu, dass bestimmte neuronale Bahnen im präfrontalen Kortex blockiert werden, sodass aus positiven Gegenbeispielen nichts gelernt werden kann.
Die Lösung, der Weg des Entzugs, besteht aus folgenden Schritten:
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Dopamin-Aufstellung: Hier stellen wir den Klienten, das positive und das negative Dopamin-System sowie die Ablehnungserfahrung, und/oder die Eltern auf. Ziel ist es, die systemische Dynamik aufzudecken, die zur Konditionierung geführt hat.
· Nähe – Distanz
· Doppelbotschaften
· Bedingungen für die Zugehörigkeit
usw. - Bewusstmachen des Selbstbildes auf der Basis dieser Konditionierung
- Kontexte klären, in denen das Programm wirkt, z. B. Partnerwahl, Beruf, Weiterbildung etc.
- Über Aufstellungen und Einzelcoachings werden die Spiele herausgearbeitet, die gespielt werden, um den Kick zu bekommen, und die Selbstsabotage-Programme, besonders im Rahmen von Liebesbeziehungen und Erfolg, herausgearbeitet.
- Mithilfe der Techniken Anker verschmelzen und Anker verketten wird die alte Stimulus-Response-Kopplung geschwächt und eine neue Bahnung installiert.
- Es werden die inneren Dialoge, die mit dieser Sucht einhergehen, aufgelöst und neue, hilfreiche Formen des Selbstgesprächs installiert.
- Installation von sozialem Feedback: Wir berichten unseren Freunden, dass wir süchtig nach einer bestimmten Klasse negativer Erfahrungen sind, und dass wir uns gerade in einem Entzugsprozess befinden. Wir geben ihnen die Erlaubnis, uns Feedback zu geben, wenn sie bemerken, dass wir gerade dabei sind, in unser altes Muster zurückzufallen.
- Installation der Haltung „Ich bin süchtig, und der Entzug wird viele Monate dauern. Der Erfolg wird auch davon abhängen, inwieweit ich bereit bin, mich den unappetitlichen Seiten meiner eigenen Spiele zu stellen, mit denen ich andere funktionalisiert habe.”
- Zielbild: Ein Leben ohne diese entwürdigende Sucht. Rückgewinnung der eigenen Würde.
Siehe auch den Fachartikel: Raus aus der Dopaminfalle (PDF).
Weitere Fachartikel.